Der Deutsche Wetterdienst hat am 31. August seine Bilanz für den Sommer 2026 vorgelegt: 19,6 Grad Celsius im Flächenmittel für Deutschland. In vielen Meldungen wurde daraus am selben Tag der zweitwärmste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen. Der Wetterdienst selbst formuliert vorsichtiger und schreibt von einem der wärmsten Sommer seit 1881. Dieser Unterschied ist kein Wortklauberei, sondern der eigentlich interessante Teil der Meldung.

Woher die 19,6 Grad kommen
Ein Deutschlandwert ist kein Durchschnitt der Messstationen. Der Wetterdienst rechnet aus den Daten von rund 2.000 Stationen zunächst ein Raster mit einem Kilometer Kantenlänge und mittelt dann über die Rasterfelder. Das klingt nach einem technischen Detail, macht aber den Unterschied: Ein einfacher Stationsdurchschnitt würde dicht vermessene Regionen überbetonen und wäre anfällig dafür, dass Stationen verlegt werden oder ihr Umfeld sich bebaut.
Aus demselben Grund beginnen die deutschen Klimareihen erst 1881. Vorher war das Messnetz zu dünn, um flächendeckend zu rechnen. Wer also liest, ein Wert sei der höchste seit Beginn der Aufzeichnungen, sollte wissen, dass dieser Beginn eine methodische Entscheidung ist und kein Naturereignis.
Dieselbe Temperatur, zwei Zahlen
Der Sommer 2026 lag 3,3 Grad über dem Mittel der Referenzperiode 1961 bis 1990. Er lag zugleich 2,0 Grad über der Periode 1991 bis 2020. Beide Angaben stammen aus derselben Pressemitteilung und beschreiben dieselbe Messung.
Der Grund ist einfach: Die jüngere Vergleichsperiode ist selbst schon wärmer. Wer die Bezugsperiode nicht mitnennt, kann dieselbe Temperatur also wahlweise dramatischer oder harmloser klingen lassen, ohne eine einzige Zahl zu fälschen. Es lohnt sich, bei jeder Abweichungsangabe zuerst nach dem Bezugszeitraum zu suchen.
Der Rangplatz ist die schwächste Zahl
Zum Rekordsommer 2003 mit 19,7 Grad fehlt genau ein Zehntelgrad. Alle Werte des Wetterdienstes sind zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich als vorläufig gekennzeichnet. Ein Zehntelgrad Abstand bei vorläufigen Daten trägt keine Aussage darüber, ob ein Sommer nun Platz zwei oder Platz drei belegt.
International wird das offener gehandhabt. Die Weltorganisation für Meteorologie gibt für das Jahr 2025 einen globalen Wert von 1,43 Grad über dem Mittel von 1850 bis 1900 an, nennt dazu aber ausdrücklich eine Unsicherheitsspanne von plus minus 0,13 Grad und spricht deshalb von Rang zwei oder drei. Eine Zahl mit Fehlerbalken ist keine schwache Zahl. Sie ist eine ehrliche.
Was der Sommer nicht beweist
Ein warmer Sommer belegt für sich genommen keinen Trend, und ein kühler widerlegt ihn nicht. Die 41,8 Grad, die eine Station in Sachsen-Anhalt am 27. Juni gemessen hat, sind ein Stationswert und kein Deutschlandwert. Die 171 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, knapp 72 Prozent des üblichen Solls, bedeuten nicht, dass es überall gleich trocken war. Ein Flächenmittel verdeckt Unterschiede, das ist seine Aufgabe.
Was stattdessen trägt
Belastbar ist nicht die Saison, sondern die lange Reihe. Über den Zeitraum von 1881 bis 2025 weist das Umweltbundesamt für Deutschland einen linearen Erwärmungstrend von 1,9 Grad im Jahresmittel aus, im Winter sogar 2,1 Grad. Global gehören die elf Jahre von 2015 bis 2025 zu den elf wärmsten der gesamten Messreihe. Solche Aussagen halten, weil sie über Jahrzehnte gemittelt sind und einzelne Ausreißer sie nicht kippen.
Eine Jahreszeitenbilanz ist eine Momentaufnahme mit Fehlerbalken. Sie ist nützlich, um zu sehen, wie ein einzelner Sommer verlaufen ist. Für die Frage, wie sich das Klima verändert, braucht es dreißig Jahre. Genau deshalb steht in der Meldung des Wetterdienstes eine vorsichtigere Formulierung als in den Schlagzeilen darüber.
Quellen: Deutscher Wetterdienst, Pressemitteilung zum Deutschlandwetter im Sommer 2026 vom 31. August 2026, sowie Methodikbeschreibung zu Zeitreihen und Trends; Umweltbundesamt, Trends der Lufttemperatur, Stand 30. März 2026; Weltorganisation für Meteorologie, Bericht zum Klimazustand 2025. Alle Sommerwerte sind vorläufig.